abgeschlossene Aktivitäten

Gedenkstättenfahrradtour 2021

Die 10. Gedenkstättenfahrradtour startete mit 36 Teilnehmer*innen vom Freizeitheim Linden aus. Der Weg führte vorbei am Stadtteilfriedhof Fössefeld, auf dem Soldaten unter anderem aus dem 1. und 2. Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte fanden. Auf dem Friedhof existieren Gräber von 43 Soldaten, die von der NS-Militär-Justiz zum Tode verurteilt und in Hannover wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung hingerichtet wurden. Auf dem Friedhof sind ebenfalls 22 Soldaten bestattet, die Selbstmord begingen.

Die nächste Station war das Mahnmal für das KZ-Ahlem. Entstanden ist das Mahnmal auf Initiative des Arbeitskreises „Bürger gestalten ein Mahnmal“ in einem längeren Prozess. Am 4. Februar 1994 wurde es durch den Oberbürgermeister Herbert Schmalsteig der Öffentlichkeit übergeben.

Das Mahnmal besteht aus mehreren Elementen: Aus Betonwänden wurde ein symbolischer Stolleneingang geschaffen, in der Spitze stehen 750 Asphaltplatten; eine Platte steht für einen umgekommenen Häftling. Die senkrecht stehenden Bahnschienen stehen zum einen für die Arbeit im Stollen, der Abraum wurde in Loren auf Schienen aus dem Berg befördert, zum anderen fanden die Deportationen der KZ-Häftlinge mit der Reichsbahn statt. Der Gedenkplatz bezieht sich auf den ehemaligen Appellplatz.
Aktuell wird im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover das nebenliegende, in der Vergangenheit nicht zugängliche Privatgelände erschlossen. Auf diesem Gelände sind noch Reste der Fundamente der KZ-Gebäude vorhanden.
Es war geplant Teile der Produktion der Continental AG und der Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover in die dort gelegenen Asphaltstollen zu verlegen. Die Häftlinge des KZ-Ahlem sollten die Stollen dafür ausbauen. Die Verlegung der Produktion in die Stollen war angedacht, um gegen die Luftangriffe besser geschützt zu sein.

Zahlreiche Flugzeuge der alliierten wurden bei den Luftangriffen auf Hannover und umliegende Orte abgeschossen. Dabei ums leben gekommene Soldaten wurden meist auf Friedhöfen in der Nähe begraben. In der Nachkriegszeit wurden für die Opfer der Commonwealth Staaten der Hanover War Cemetery geschaffen und vorher verteilte Gräber auf dieser Anlage zusammengefasst. Der Friedhof befindet sich in direkter Nähe zum Mahnmal KZ-Ahlem, die Radtour führte vom KZ-Mahnmal direkt zum Hanover War Cemetery, der teilweise inhaltlich verkürzt „Englischer Friedhof“ genannt wird. Auf dem Friedhof sind bekannte Gräber von 1.815 Briten, 331 Kanadiern, 144 Australiern, 45 Neuseeländern, neun Polen, acht Indern, fünf Südafrikanern und einem Norwegern, bei denen es sich hauptsächlich um Angehörige der Air Force handelt. Der von der Commonwealth War Graves Commission unterhaltene Friedhof befindet sich in einem sehr gepflegten Zustand und ist somit ein würdiger Ort für die Soldaten, die im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland das Leben verloren.

Die weitere Strecke der Radtour führte über Velber, an der Fösse entlang zum Industriegebiet Lindener Hafen. Dort wurde mit Blick auf historische Industriehallen erläutert, welche Unternehmen hier einen Sitz hatten und an der Rüstungsproduktion für den Vernichtungskrieg beteiligt waren. Dabei ging es wieder um die Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover und ihrer Produktion von Panzern und Geschützen und die Lindener Eisen- & Stahlwerke mit dem Beispiel der Produktion von Raupenketten.

Die nächsten Stationen waren im Stadtteil Linden-Mitte die Grundschule am Lindener Markt und die Ihmeschule an der Badenstedter Straße. Dort wurden ab Herbst 1944 Zwangsarbeiter*innen und italienische Militärinternierte untergebracht. Somit wurde auch bei dieser Radtour klar, Zwangsarbeit und Zwangsarbeiterlager sind kein ausschließliches Thema der Industriegebiete und Randbezirke, sondern auch der städtischen Wohnquartiere nebenan.
An den einzelnen Stationen gab es von den Teilnehmenden an verschiedenen Stellen interessierte Nachfragen und detaillierte Ergänzungen, wodurch sich die Programmpunkte sehr lebhaft wurden und genügend Gesprächsstoff lieferten um nach den letzten beiden Stationen die Tour in der Gaststätte auf dem Lindener Berg ausklingen zu lassen.

Gedenkstättenfahrradtour 2020

Start der Radtour bei der sogenannten "U-Boot-Halle" auf dem Hanomaggelände
Start der Radtour bei der sogenannten „U-Boot-Halle“ auf dem Hanomaggelände

Am Sonntag den 6.9. und 27.09.2020 wurde die 9. Gedenkstättenfahrradtour vom Verein „Gegen das Vergessen ./. NS-Zwangsarbeit“ durchgeführt.
Ziel der jährlich stattfindenden Fahrradtour ist es, bekannte und weniger bekannte Aspekte rund um den Themenkomplex Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus in Hannover an den historischen Orten zu vermitteln.
Aufgrund der großen Nachfrage und der aktuell geltenden Bestimmungen für Zusammenkünfte, wurde die diesjährige Tour auf zwei Termine geteilt und mit jeweils ca. 30 Teilnehmer*innen inhaltsgleich durchgeführt.

 

Reinhard Schwitzer berichtet über das Zwangsarbeiterlager Bornumer Holz/Auf der Kuhbühre
Reinhard Schwitzer berichtet über das Zwangsarbeiterlager Bornumer Holz/Auf der Kuhbühre

Die beiden Touren standen unter dem Schwerpunkt ehemaliges KZ-Außenlager und Zwangsarbeiterlager Hannover Mühlenberg.
Sieben Stationen auf einer Strecke von insgesamt 12 km vermittelten einen kleinen und informativen Eindruck über die Situation der hannoverschen Zwangsarbeiter*innen im Nationalsozialismus. An den einzelnen Stationen gab es jeweils Kurzvorträge von Reinhard Schwitzer und Tim Rademacher.

Die Stationen waren:

  1. Hanomaggelände, Hanomag als Betrieb der Rüstungsproduktion
  2. Bahnhof Linden (Fischerhof), Mahnmal für deportierte Juden, Sinti und Roma
  3. Zwangsarbeiter*innenlager an der Mercedesstraße (ehemals Schlorumpfskoppelweg)
  4. „Schmalzsiedlung“ in Obericklingen, NS-Wohnungsbauprojekt
  5. Wöchnerinnenbaracken Wettberger Mühle als Teil des Lagers Mühlenberg, sowie KZ-Außenlager Mühlenberg
  6. Zwangsarbeiterlager Bornumer Holz/Auf der Kuhbühre
  7. Lindener Turm
Station vor dem Kirchencentrum Mühlenberg, bei der Gedenktafel an das KZ Mühlenberg
Station vor dem Kirchencentrum Mühlenberg, bei der Gedenktafel an das KZ Mühlenberg

Neben den vermittelten Inhalten an den Stationen führte auch der Zustand der historischen Orte zu Diskussionen mit den Teilnehmer*innen. Auf dem Hanomaggelände sind mehrere Gedenk- und Informationstafeln geplant, an anderen Orten gibt es bisher keine Hinweise zu der Vergangenheit und auch keine Planungen dafür. Das leitete zu der Frage, wie den mehreren hundert Arbeitslagern unterschiedlicher Größe und Ausprägung in Hannover gedacht und erinnert werden kann.
Ein wiederkehrendes Thema der Gedenkstättenradtour sind die Straßenbenennungen in Hannover. Auch in diesem Jahr wurde darauf eingegangen. Zum einen wurden einige Straßennamen der „Schmalzsiedlung“ erläutert, die ursprünglich nach Nationalsozialisten benannt und schließlich 1945 umbenannt wurden. Zum anderen Straßennamen, welche die heutige Sicht auf die Vergangenheit widerspiegeln und nach Opfern und Widerstandskämpfer*innen benannt sind. Wie Marianne Baecker, die in einer Widerstandsgruppe bei der Hanomag tätig war und Karl Nasemann, der während seiner Tätigkeit bei der Hanomag dort eingesetzten Häftlingen aus dem KZ Mühlenberg Hilfe zukommen ließ.

Gedenkstättenfahrradtour 2019

Am Sonntag, dem 15. September starteten gut 20 Teilnehmer*innen zu unserer jährlichen Fahrradtour.

Station bei den ehemaligen Sichelwerken

Vom Freizeitheim Linden ging es zu den ehemaligen Sichelwerken (heute Henkel, Sichelstraße Ecke Eichenbrink). Am 18. August 2019 wurde dort vor dem Eingang ein Mahnmal und eine Tafel zur Entwicklung der Zwangsarbeit in den Jahren 1939-1945 eingeweiht, welche von unserem Verein und der Firma Henkel gestaltet wurde. Weiter führte uns die Fahrt zum ehemaligen KZ Limmer und weiter nach Marienwerder zum Gelände des heutigen Wissenschaftsparks. Es ist das ehemalige Gelände der Akkumulatorenfabrik, später Varta, dann Johnson Controls. Insgesamt fünf Erinnerungstafeln befinden sich in der Nähe des ehemaligen KZ Stöcken (Akkumulatorenwerke).

Mahnmal KZ Stöcken (Akku)

Über die Hansastraße zum Mahnmal für die Zwangsarbeiter*innen bei den ehemaligen Günther Wagner Verpackungswerken, jetzt Silgan, führte uns die Tour bis zum Mahnmal in der Ziegeleistraße in Godshorn, welches an die Zwangsarbeiterkinder erinnert, die in dem Wöchnerinnenheim geboren wurden.

Viele Teilnehmer*innen dankten für die informative Fahrradtour im westlichen Teil Hannovers. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, dass 2020 im September die nächste Tour zu Gedenkstätten stattfindet.

Mahnmal Sichel-Werke

Der folgende Bericht zur Einweihung stammt von Dr. Jens Gundlach und ist dem Newsletter September 2019 vom Netzwerk Erinnerung und Zukunft e.V entnommen.

Großer Erfolg des Vereins „Gegen das Vergessen/NS-Zwangsarbeiter e.V.“ und der Henkel-Sichelwerke GmbH: Am 14. August wurde unter reger Beteiligung aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft das Mahnmal gegen Zwangsarbeit in der NS-Zeit am Werkseingang der Sichelwerke in Limmer eingeweiht.

Einweihung Mahnmal Sichel-Werke

Der Vorsitzende des Vereins „Gegen das Vergessen“, Dr. Horst Meyer, verwies darauf, dass das Projekt nach dreijähriger Überzeugungsarbeit erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Er dankte der Konzernleitung der Henkel AG für die ideelle und finanzielle Unterstützung und besonders auch der Belegschaft der Sichel-Werke. Diese hatte das Mahnmal, das mehr als 15.000 Euro kostete, gestiftet. Von 1940 bis 1945 mussten 573 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen unter unmenschlichen Bedingungen härteste körperliche Arbeit leisten. Wer nicht Deutsch verstand, wurde geschlagen. Die vorwiegend aus Polen, der Sowjetunion, Belgien, Frankreich, Griechenland und Serbien Verschleppten hausten in Baracken und waren den Schikanen der stark präsenten Gestapo ausgeliefert. Der von langer KZ-Haft gesundheitlich schwer beschädigte SPD-Politiker Kurt Schumacher wurde von 1943 bis 1945 in der Buchhaltung beschäftigt.

Der Pole Tadeus Ruszik berichtete später: Täglich habe es eine dünne Suppe gegeben. „Wir bekamen zwei Kilogramm Brot für die Woche und aßen es innerhalb von zwei Tagen auf. Die restlichen Tage fasteten wir.“ Viele Gefangene starben, manche durch Misshandlungen. Babys wurden geboren, viele überlebten nicht wegen mangelnder Nahrung und Pflege.
Die Fabrik, die anfangs Tapetenkleister und später für die Wehrmacht kaltwasserlösliches Puddingpulver herstellte, war 1889 von dem Hannoveraner Ferdinand Sichel (1859-1930) gegründet worden. Sichel gehörte zu den zahlreichen jüdischen Unternehmern, die Hannover im 19. Und 20. Jahrhundert vorangebracht haben. Die Familie Sichel emigrierte 1933. 1936 überschrieben die Erben das Unternehmen auf einen nichtjüdischen Firmenpartner, eine „freiwillige“ Arisierung. 1962 wurden die Sichelwerke von Henkel übernommen.
Das Mahnmal besteht aus einer Gedenktafel, deren ausführlichen Text die Historikerin Janet Freifrau von Stillfried und Rattonitz nach sorgfältiger Forschungsarbeit verfasst hat. Unter der Tafel befinden sich zwei Stahlpoller, verbunden mit einer massiven Schiffskette. Gefertigt wurde das Denkmal von der Sichel-Belegschaft. Die Poller erinnern an das Entladen von Schuten durch Zwangsarbeiter am nahen Kanal; die Kette symbolisiert die Gefangenschaft der ausländischen Häftlinge.
Horst Meyer bedauerte, dass sich nicht alle Firmen in der Region Hannover ihrer geschichtlichen Verantwortung stellten wie – beispielhaft – die Sichelwerke. Continental feiert in zwei Jahren sein 150-jähriges Bestehen. Meyer: „Ich bin gespannt, in welcher Form sie dann an ihre Zwangsarbeiter erinnern.“

Gedenkstättenfahrradtour 2018

Der folgende Bericht zur Gedenkstättenfahrradtour stammt von Dr. Peter Schyga und ist dem Newsletter vom Netzwerk Erinnerung und Zukunft e.V entnommen.

Die 7. Gedenkstättenfahrradtour des Vereins Gegen das Vergessen / NS-Zwangsarbeit am Sonntag dem 2. September wurde wie schon in den Jahren zuvor ein voller Erfolg. Dazu trug nicht nur das angenehme Wetter bei, das zum Radeln einlud, sondern in erster Linie die qualifizierten, kenntnisreichen Erläuterungen zu dem historischen Geschehen an den fünf Stationen des Erinnerns, die angesteuert wurden. Vor dem Neuen Rathaus erfuhren die 34 Teilnehmer*innen von Reinhard Schwitzer nicht nur etwas über das politische Leben des Namensgebers des Vorplatz, Bürgermeister Tramm, sondern natürlich auch vieles über dieses städtische Machtzentrum in der NS-Zeit. Es wurde zudem darauf verwiesen, dass im digitalen Stadtrundgang zukunft-heisst-erinnern.de etliche Orte der Tour ausführlich erläutert sind. Über die Stationen Stadtbibliothek und Schlägerstraße, einst Stützpunkte der Gestapo, – Tim Rademacher informierte – ging es durch Nebenstraßen der Südstadt zum Bertha-von-Suttner-Platz, der bis 1994 noch Carl-Peters-Platz hieß. Dass die Umbenennung nur nach heftigen politischen Auseinandersetzungen erfolgen konnte, das Denkmal aber bewusst erhalten blieb und mit einer erläuternden Aufschrift versehen wurde, erfuhr man/frau hier.

Reinhard Schwitzer erklärt die Geschichte des Platzes und des Denkmals. [Fotos: Tim Rademacher]

Etliche Nachfragen zu dem Kolonialpolitiker Peters aus dem imperialen Zeitalter, in dem auch das Deutsche Reich einen „Platz an der Sonne“ für sich beanspruchte, auch Erläuterungen zur Gestaltung des Platzes und der Architektur der anliegenden Backsteinbauten erweiterte den historischen Horizont der Zuhörer*innen. Auf dem Weg zum Seelhorster Friedhof fiel etlichen Teilnehmer*innen auf, dass diese Fahrradtour so ganz nebenbei auch einen anderen Effekt hat: Man/frau fährt durch Straßen und Gegenden, die vielen, die schon sehr lange in der Stadt leben, unbekannt geblieben waren – eine Entdeckertour der anderen Art.

Vom beindruckend-bedrückenden Gräberfeld tausender Opfer das Nationalsozialismus aus, von dem zwei Gedenktafeln aus dem Jahr 1947 künden, ging es in westliche Richtung zur „Döhrener Wolle“, einem alten Industrie- und Wohngebiet aus dem 19. Jahrhundert. Heute eine attraktive städtische Wohnsiedlung im Grünen, scheint mit einiger Fantasie hinter den restaurierten Backsteinfassaden und jenseits der hübschen Vorgärten die „Jammer“existenz der dort einst arbeitenden und lebenden Arbeiterbevölkerung hervor. Hier endete die Tour 2018. Einige Teilnehmer*innen ließen bei einem Zusammensein in einem Eiscafé die Eindrücke dieser von allen als gelungen empfundenen Tour noch einmal Revue passieren.

Vortragsveranstaltung Prof. Dr. Christoph U. Schminck-Gustavus zur Vernichtung des griechischen Dorfes Lygiádes am 3. Oktober 1943

1943 brannten deutsche Wehrmachtssoldaten wegen der angeblichen Unterstützung von Partisanen ein griechisches Bergdorf nieder, töteten Frauen, Alte, Babys. Christoph Schminck-Gustavus reiste an den Ort, der noch heute vom Schrecken gezeichnet ist. Er hat die letzten Überlebenden des Massakers gefunden, ihre Berichte aufgezeichnet und Archive gesichtet: Die Rekonstruktion eines erschütternden Verbrechens und seiner juristischen Verleugnung.
Soldaten der Gebirgsdivision Edelweiß trieben die Einwohner von Lyngiádes in die Keller der Häuser, mähten sie mit Maschinengewehren nieder und zündeten das Dorf an. Fünf Menschen überlebten und krochen aus den brennenden Trümmern. Hunderte Dörfer fielen auf dem Balkan sogenannten „Sühnemaßnahmen“ zum Opfer. Weil deutsche Gerichte sich später die Rechtfertigung der Täter zu eigen machten und das Massaker von Lygiádes als „Kampf gegen Partisanen“ einstuften, wurde das Kriegsverbrechen nicht verfolgt. Deutschland und Griechenland haben die Opfer für ihr Leiden nie entschädigt.

Veranstaltung des Vereins „Gegen das Vergessen ./. NS-Zwangsarbeit“ am 5. Oktober 2015, im Mosaiksaal des Neues Rathauses Hannover

Mahnmal Hansastraße 10 zum Zwangsarbeiterlager mit der Wöchnerinnenbaracke und dem „Arbeitserziehungslager“

Mahnmal Hansastr. 10, September 2015
Mahnmal Hansastr. 10, September 2015 [Foto: Janet v. Stillfried]

Mitten im Industriegebiet, an der Hansastraße 10, erinnert seit dem 25. September 2015 ein Mahnmal an die rund 2000 Frauen und Männer, die von 1939 bis 1945 Zwangsarbeit bei den „Günther Wagner Verpackungswerken“ leisten mussten. Zum zehnjährigen Jubiläum des Vereins „Gegen das Vergessen ./. NS-Zwangsarbeit“ gelang es in Zusammenarbeit mit der Firma Silgan White Cap Deutschland, die heute ihren Sitz dort hat, aber nicht deren Rechtsnachfolgerin ist, einen Erinnerungsort zu gestalten. Das Mahnmal, das am authentischen Ort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers steht, ist von den Auszubildenden der Firma angefertigt worden.

„Die Firma Silgan zeigt in beachtenswerter Weise, wie sie 70 Jahre nach Kriegsende einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten können“, stellte der Oberbürgermeister Stefan Schostok bei der Einweihung fest. Eine Gedenktafel, die in dem Mahnmal integriert ist, informiert über das Zwangsarbeiterlager und den Standort in der Hansastraße 10. Außerdem gab es hier während des Zweiten Weltkrieges ein firmeneigenes „Arbeitserziehungslager“ für Frauen sowie ein „Ausländerwöcherinnenheim“, in dem Zwangsarbeiterinnen unter schrecklichen Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen mussten. Die Säuglingssterblichkeit in dieser speziellen Baracke lag bei 80 bis 90 Prozent.

Texttafeln in Marienwerder zum KZ Stöcken und den Zwangsarbeiterlagern im Bereich „Accubrache“ und Garbsener Landstraße

Am Fußweg von der Garbsener Landstraße zum Roßbruchgraben hin erinnert eine Texttafel an das Schicksal ehemaliger Zwangsarbeiter der Firma Accumulatoren-Fabrik (AFA). In der Nähe des Standortes sind noch die Überreste des Zwangsarbeiterlagers zu sehen. Unweit der AFA bestanden gleich mehrere Zwangsarbeiterlager im damaligen sogenannten „Industriegebiet Nordhafen“. Hier waren ab Frühjahr 1940 mehrere tausend Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, Dänemark, Italien, Kroatien, den Niederlanden, Polen, Russland, der Ukraine, Serbien und der Tschechischen Republik untergebracht. Die Firma selbst gab nach dem Krieg den Einsatz von 4.400 Zwangsarbeitern für ihr Werk in Hannover an, nicht eingerechnet KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene. Besonders schwierig war die Überlebenssituation für Polen und „Ostarbeiter“. Sie besaßen keine Rechte und waren der Willkür der Kollegen am Arbeitsplatz sowie des Lagerpersonals ausgesetzt.

Eine weitere Texttafel steht direkt im Eingangsbereich des KZ Stöcken am Roßbruchgraben. Sie wurde von der Arbeitsgemeinschaft „KZ Stöcken“ errichtet und gestaltet. An der Garbsener Landstraße, Ecke Hollerithallee informiert eine Gedenktafel über die Nutzung des Geländes während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf dieser Tafel ist auch ein Brief der Geschäftsleitung der Firma Varta aus den 1980er Jahren veröffentlicht, in dem die Sinnhaftigkeit eines Mahnmals für die Opfer angezweifelt wird. Vis-à-Vis steht das gut sichtbare Mahnmal des Künstlers Jürgen Breuste, das 1987 errichtet wurde. Eine dazugehörige Bodentafel informiert über die Intention und Bedeutung des Mahnmals.

Die Gedenktafeln sind in Kooperation zwischen der Stadt Hannover, Projekt „Erinnerungskultur“ und dem Verein „Gegen das Vergessen ./. NS-Zwangsarbeit“ im Juli und September 2014 eingeweiht worden.

Projekt: Der Zug der Erinnerung – 7. bis 11. Januar 2008/8. bis 12. November 2009 im Hauptbahnhof von Hannover

Der „Zug der Erinnerung“ war mehrmals zu Gast in Hannover. Ein Teil der regionalen Ausstellung bestand aus Informationen zum Thema „Zwangsarbeit“ in Hannover und insbesondere zu den ermordeten Kindern der hannoverschen Zwangsarbeiter.

 

Texttafel Le-Trait-Platz und Mahnmal am Standort in Godshorn zu zum „Ausländerwöchnerinnenheim“ in Godshorn

Informationstafel am Le-Trait-Platz und Gedenkort in der Ziegeleistraße, Einweihung 2009 [Fotos: Janet v. Stillfried]

Im Umfeld vieler größerer Rüstungszentren wurden im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) Entbindungseinrichtungen für schwangere „Ostarbeiterinnen“ und Polinnen errichtet. Hintergrund war die Verschleppung und der Arbeitseinsatz osteuropäischer Frauen im Deutschen Reich. Sie selbst und ihre Kinder waren „rassisch unerwünscht“. Im Stadtgebiet von Hannover waren während des Zweiten Weltkrieges ungefähr 60.000 Zwangsarbeiter in mehreren hundert Lagern untergebracht, unter ihnen auch Säuglinge und Kinder. Einige kamen in Heime, wo sie schutzlos der Vernichtung preisgegeben wurden – andere lebten mit Familienangehörigen in Lagern, so dass sie Hilfe finden konnten. Die geringsten Überlebenschancen hatten Säuglinge, insbesondere der sogenannten „Ostarbeiterinnen“ – Frauen aus Russland und der Ukraine. Sie kamen in speziellen Einrichtungen unter unmenschlichen Bedingungen zur Welt. Ihre Ernährung und die medizinische Versorgung waren sehr schlecht, und es herrschten katastrophale hygienische Verhältnisse.

In Hannover gab es ebenso wie anderen Orts für diesen Zweck „Wöchnerinnenbaracken“. Die Lagergemeinschaft Hannover e.V., ein Zusammenschluss von Rüstungsfirmen, betrieb einige dieser Baracken, dazu gehörte auch das „Ausländerwöchnerinnenheim“ in Godshorn, das ab August 1943 bis zum Kriegsende bestand. Zeitzeugen gehen von einer sehr hohen Todesrate – bis zu 75 Prozent – aus.

Seite Mitte 2008 gab es ein Projekt, das sich zur Aufgabe setzte, an das Leid dieser Mütter und deren Kinder zu erinnern. Als Ergebnis wurde eine Texttafel am „Le-Trait-Platz“ in Godshorn und ein Mahnmal direkt am Ort des Geschehens in der Ziegeleistraße errichtet. Die Zusammenarbeit umschloss viele Akteure, wie den „Verein gegen das Vergessen ./. NS-Zwangsarbeit, die Stadt Langenhagen, die Schule Godshorn und den Bildhauer Karl-Heinz Spiekermann sowie Unternehmen aus der Region. Am 9. September 2009, das erste Sterbedatum eines Säuglings im „Ausländerwöchnerinnenheim“ war der 9. September 1943, wurden die Texttafel am Le-Trait-Platz und das Mahnmal in der Ziegeleistraße unter großer Anteilnahme eingeweiht.

Texttafel Brink Hafen zum KZ Langenhagen

Mahnmal Konzentrationslager Langenhagen
Mahnmal mit Texttafel zum KZ Langenhagen [Foto: Tim Rademacher]

Im Oktober 1944 wurde ein Konzentrationslager im Gewerbegebiet Brink Hafen an der Hackethalstrasse für 500 überwiegend polnische Häftlingsfrauen, die während des Warschauer Aufstands in Polen verhaftet und deportiert wurden, errichtet. Sie mussten in Langenhagen für die Brinker Eisenwerke in der Rüstungsproduktion und bei der Demontage von Flugzeugen arbeiten. Das damals auf Langenhagener und heute auf dem Hannoverschen Stadtgebiet gelegene Konzentrationslager wurde am 6. Januar 1945 durch einen Bombenangriff zerstört.

Nach Fertigstellung einer umfangreichen Dokumentation, die die Stadt Langenhagen zum KZ in Auftrag gegeben hatte, bestand der Wunsch, eine Gruppe von ehemaligen Häftlingsfrauen im Jahr 2001 einzuladen. „Es gehört viel Kraft und Mut dazu, diese Reise zu machen und unseren zur Versöhnung ausgestreckten Händen entgegenzukommen“, sagte die Bürgermeisterin Waltraud Krückeberg in einer Gedenkfeier zur Begrüßung der fünf Frauen aus Warschau und Umgebung, die als Gäste anreisten. „Es war kein leichter Weg hierher“, resümierte EIzbieta Kostrzewa, eine der Überlebenden. Sie habe lange überlegt, bevor sie die Einladung der Stadt angenommen habe. Mit gemischten Gefühlen erlebte sie ihren Aufenthalt in Langenhagen. „Ich freue mich über die Reise und dass alle so nett sind“, aber auf der anderen Seite sei der Besuch auch durch Gedanken an die Vergangenheit überschattet. Doch den Frauen aus Polen war die Reise wichtig: „Wir sind stellvertretend gekommen für alle, die überlebt haben.“ Aber an den historischen Standort des ehemaligen KZs am Brink Hafen in Langenhagen erinnerte zu diesem Zeitpunkt nichts. Die IG Metall und Stadt Hannover engagierten sich daraufhin für einen würdevollen Erinnerungsort. Das Mahnmal wurde am 8. Mai 2003, am ehemaligen Lagereingang des KZ eingeweiht, aber nicht nur an das ehemalige KZ soll erinnert werden, sondern auch an die Geschichte der Zwangsarbeiter im Industriegebiet am Brink Hafen.